Wie neulich die Tante aus dem Radio meinte: Jetzt fängt diese komische Zwischenzeit an. Daran muss ich unweigerlich denken wenn ich in den Bus steige – und sofort hineingelange, ja gar einen Sitzplatz finde! Es geht weiter, im Schnitt 5 bis 10 Minuten schneller als noch vor gut 1 ½ Wochen. Im Büro angekommen sitzen vielleicht 3 oder 4 Kollegen statt des üblichen Dutzend, viel mehr kommen auch nicht mehr nach. Es ist die komische Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, auch bekannt als Brückentagzeit. Vollendet wurde der leicht surreale Eindruck von klassischer Musik die aus einem Nachbarrechner schallte, mit Blick nach rechts auf die St. Paul’s cathedral und die aufgehende Sonne. So ziemlich das einzig Gute an den neuen Plätzen an denen wir seit gut zwei Wochen sitzen. Ansonsten habe ich den etwas undankbaren Platz am Gang, schon fast im Pausenbereich abbekommen. Aber bei dem ruhigen Betrieb stört das nicht weiter. Mir soll’s Recht sein: Zum zugegebenermaßen nicht geringen Preis familienloser Weihnachten kann ich erstmals seit Wochen einen etwas entspannteren Rhythmus leben. Nach langer Hetze und dem ewigen Balance-Akt zwischen Alltagsleben/Alltagsarbeit und Zeit fürs Studienprojekt finden, konnte ich heute verblüfft feststellen: Es geht NOCH unproduktiver^^! Heilig Abend musste ich tatsächlich noch einmal ran, da wurde es dank regelmäßiger Internetausfälle an den Vortagen (Providerwechsel sei Dank) geschäftig. Der „skeleton staff“ musste das vollenden was eigentlich schon längst hätte erledigt sein sollen. Aber davon abgesehen war die halbe Weihnachtswoche von einer Ferienstimmung geprägt, wie am letzen Schultag vor den Ferien. Die „üblichen“ Bälle und Wurfgeschosse flogen vermehrt durchs Büro. Den Höhepunkt bildete ein USB-Schaumstoff-Raketenwerfer. USB wird hier vom Hersteller übrigens in „U Should Be working“ übersetzt. Für 5min war es eine echte Büroattraktion, hier ein baugleiches Modell in Aktion.
Und mit halber Kraft voraus geht’s wohl auch ins neue Jahr, unterbrochen von Neujahr am Do. Am 5. Januar lass ich noch meinen halben Praktikanten-Urlaub (5 von 10 Tagen) für den letzten großen Bericht-Schreibe-Marsch springen – und dann soll mal gut sein! Das einzige was mir noch in die Parade fahren könnte ist die Erkältung, mit lecker Husten. Soweit halte ich die Stellung, bewaffnet mit Aspirin, Vitamin C Pillen, einem redundanten „Erkältungspulver“ bestehend aus Paracetamol und wieder Ascorbinsäure und seit gestern auch dem guten „Beryl“ Hustensaft, der wirklich ein bisken „drowsy“ macht
. Aber das Einzige was ich hier steuer’ sind Mauszeiger, von daher passt das schon. Bisweilen kommt mir das dünn besiedelte Umfeld wie eine mittelalterliche Quarantäne vor: Die die konnten sind geflohen, zurück geblieben sind die Kranken. Ich bin mir ziemlich sicher mir meine Bazillen im Büro eingefangen zu haben, denn genau dasselbe Husten hab’ ich schon von den – von mir aus gesehen - „hinteren Plätzen“ gehört. Der Nahverkehr ist aber auch immer ein heißer Kandidat. Da geht das Hustkonzert munter weiter, die gut gemeinten Hinweise dass es wichtig ist richtig ins Taschentuch zu schneuzen und es dann zu entsorgen (Remember: Germs can survive for several hours in a tissue!) bleiben in ihrer Wirkung bescheiden. Vielleicht liegt’s ja am Wetter? Die Einfach-Glasscheiben-einbauenden Briten jammern alle wie kalt es doch diesen Winter wäre. Der erste Schnee seit den 1930er Jahren im Oktober (geschmolzen bevor er am Boden angekommen ist), und „sibirische Temperaturen“ von mildem Frost in der Nacht und 2 Grad am Tage. Laut Wetterfrosch ist das mehrere Grad kälter als „normal“. Pfff! Aber ich preise meinen elektrischen Heizkörper! Die beste Anlage für 20Pfund, die ich hier getätigt habe. Endlich über 20Grad im Zimmer! Es bleibt noch etwas weniger als ein Monat bis der Bericht abgegeben werden muss, im Büro noch runde 30 Arbeitstage. Zeit für eine kurze Weihnachtsrückschau.

Die Weihnachtsfeier! Ein definitiver Höhepunkt. Die Firma zahlt – auch wenn die Barmänner später daran „erinnert“ werden mussten dass Firmenangehörige nicht zu zahlen haben. Ich sag Euch: Bereicherung an Betrunkenen! Ganz billige Masche. Es wurde ganz gut kredenzt, auch wenn die Portionen was klein waren, aber ich will ja nicht zu viel meckern. Denn wer wollte konnte sich einfach noch einen Teller schnappen, die Organisation ging völlig unter. Populär war ebenfalls sich einfach bei der erstbesten Speise zu melden um schneller bedient zu werden, wohlwissend die eigene Menübestellung ignorierend. Bitter war der Tag danach, denn die Weihnachtsfeier fiel unglücklicherweise auf einen Donnerstag. Während der Chef uns noch eingebläut hatte sich einen halben Tag frei zu nehmen statt betrunken oder Stunden zu spät am Freitag aufzutauchen nahm man es im zweiten Stock bei den Jungs vom Marketing & Vertrieb nicht so eng. Soviel ich weiß kamen dort die ersten erst kurz vor Mittag
. Anders beim Projekt Management: Mit flauem Magen und müden Augen war ich noch pünktlich vor 9Uhr da, aber weiß Gott nicht der Erste! Jedenfalls halte ich den urdeutschen Spruch: Wer saufen kann, der kann auch arbeiten für widerlegt. Bis 11Uhr saß ich eigentlich nur unbrauchbar rum und habe alle 10min mal eine Email gelöscht. Hämisches lachen vom englischen Mitpraktikanten, jedoch schnell gefolgt von einem Akt der Solidarität in Form eines vorbeigebrachten Tees.

Heilig Abend hab ich natürlich als Brite auf Zeit auf BBC umgestellt um die Ansprache der Queen mitzuverfolgen. Viel mehr als das Foto kam nicht rum, ein Drahtgespräch mit den Eltern, die grad in Warschau auf Familienbesuch waren, kam dazwischen. Entgegen des allgemeinen „nach Hause flieg Trends“ ist ein Großteil meiner WG hier geblieben. So kam es dann, dass Tomek und ich in den lokalen Pub gegangen sind um das Weihnachtsfest im Stil junger, unverheirateter Männer zu verbringen – sprich an der Theke. Erstaunlicherweise war die Spilunke wie ein ausgelagertes Wohnzimmer, sogar inklusive Oma und Enkel. Aber Dank des bereits lang eingeführten Rauchverbotes ist das ja noch zu verkraften. Die Opas legten noch ein paar Tanzeinlagen ein, man diskutierte und irgendwann durfte ich das erste Leuten der sich ankündigenden „Last order“ Glocke hören. Beim dritten Läuten war Schluss, und wir traten den Heimweg mit kleinem Umweg an. Ein paar FastFood Reste hatte der keiner großen Kette zugehörige Chicken-Laden noch auf der Warmhalte-Platte. Einzige Bedingungen war: Wir konnten nur noch zwischen zwei Menüs wählen und von jedem jeweils nur eins ordern. Ja, soviel war von dem guten Zeug noch da! Ein Wunder, aber der Magen hat sich nicht beschwert! Der erste Weihnachtstag war etwas spontaner. In der Küche bin ich Al begegnet, dem kolumbianischen Freund einer meiner Mitbewohnerinnen. Wir kannten uns vom sehen, denn in der ersten Woche hat er mir die wichtigsten Kniffe beim Bedienen der Waschmaschine gezeigt. Beim Kochen/Wäsche in die Waschmaschine einladen/Teller putzen kamen wir ins Gespräch. Ehe ich mich versah saßen wir bei einer Flasche Wodka, und redeten. Bisweilen eine ziemlich domianeske Szenerie, bei der ich ein wenig darüber erfahren hab’ in was für Schwierigkeiten ein eigentlich netter Kerl sich manövrieren kann wenn er ein paar falsche Entscheidungen fällt und nicht auf ein Umfeld vertrauen kann dass positiven Einfluss auf einen nimmt. Die Gegend hier ist multikultureller als die Schmelztiegelstadt Amerikas - New York -, aber die Anzahl der Südamerikaner hätte ich hier nicht erwartet. Als ich Al gefragt hab wieso nicht in die USA, zumal er das Land ebenfalls aus einem einjährigen Schüleraustausch kannte, so war anscheinend die einfache Einreise in die EU ausschlaggebend. Er gehörte zu den letzten einer großen Migrationswelle die ohne Visum ins Land konnten. Über ein paar Umwege ist er in London gelandet… und am Ende mit mir in einem afrikanischen Lokal. Denn auch dieser Tag verlangte nach einem kulinarischen Höhepunkt. Mit großem Tohuwabohu sollte ich die schärfte Suppe der Welt versuchen, Al meinte ich schaff keine drei Löffel. Relativ teuer die Teufelsbrühe, 7 Pfund für eine Schüssel. Für Freunde der osteuropäischen cuisine: Was da rumschwamm erinnerte mich stark an Flaki, müssen also neben ein paar Anstandsfleischstückchen vor allem Innereien gewesen sein. Aber gerade sowas muss man offensiv angehen, sonst scheint ja bekanntermaßen die Sonne nicht am nächsten Tag. Also bat ich den Wirt die Verpackung aufzumachen, um probieren zu können. Und die Suppe war verdammt scharf, aber ich hab mein bestes Pokerface aufgesetzt. Ergebnis: Der würzt ungefragt nach! Not spicy enough? Not spicy enough? Al und ich haben uns darauf geeinigt die Portion zu teilen, und von meiner Hälfte habe ich bestimmt nur ein Viertel geschafft. Zwar mit ordentlich viel neutralisierendem Brot, aber immer noch eindeutig mehr als mein südamerikanischer Kollege. Der kam dann auch nicht darauf klar, dass ein Europäer auch mal was scharfes vertragen kann
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Beim zweiten Weihnachtstag, bzw. Boxing Day, wollte ich sehen inwiefern der Name auch Programm ist. Eindeutige Handgreiflichkeiten waren nicht dabei, aber sachte Rempeleien beschleunigten das Vorankommen in der Stadt eindeutig. Bin die Oxford Street einmal rauf und einmal runter gelatscht, in erster Linie im Hinterkopf mir einen ordentlichen Mantel zuzulegen. Einige Läden hatten sich schon eindeutig aufgegeben, da lagen Schuhe, Hosen und Hemden in großen Haufen mal auf einem Tisch, mal auf dem Boden. Die Kollegen von Lacoste gaben sich ganz elitär und wollten Ordnung, haben also die Leute anstehen lassen. Das war mir dann doch ein wenig zu doof. Aus dem Mantel wurde dann nichts, ein cooler war von 400Pfund auf 170 runtergesetzt. Prozentuell ordentlich, aber immer noch scheiße teuer, ne? Hätte ich in dem für 80 nicht wie ein kleiner Schuljunge ausgesehen – natürlich war nur noch XXL und XL über - wäre vielleicht noch ein neuer Mantel drin gewesen. Geblieben ist es dann bei einer leichten Jacke, mit der ich wohl frühestens im Warschauer Frühling beeindrucken kann
und einem SinCity Plakat. So bekommen die immer noch recht kahlen Wände in meinem Zimmer ein wenig „Farbe“ ab. Außerdem hat Zavi, die aus den ausgegliederten Virgin Musikläden hervorgegangen sind, die drei Pfund beim anstehenden Konkursverfahren sicher nötig. Fak ze Krädit Kransch!
Daniel