Was Technik-Päpste und Computer-Eierköpfe vor Jahren angekündigt haben, wird langsam aber sicher Realität: Das Internet als echte Alternative zum Fernsehen. Mit jedem MBit, um welches die DSL Anschlüsse bereichert werden, bewegen wir uns einer neuen Ebene der Fernseh-Freiheit entgegen. Von zunehmend populär werdenden öffentlichen Videobibliotheken wie YouTube oder MyVideo, über Programmkatalogen die jene Seiten nach Inhalten sortieren bis zu den Internetpräsenzen der Fernsehsender wird das Angebot immer reichhaltiger. Streams sind flexibler (weil schneller) als Downloads und unter Copyright-Gesichtspunkten weniger heikel. Aber wohin wird die Entwicklung gehen, die gerade erst an Fahrt gewinnt und welchen Einfluss wird sie auf das traditionelle Fernsehen nehmen?
Werfen wir einen Blick auf das wohl bekannte Fernsehen.
Dort sehen wir uns zweifellos einer Verdummung des TV Programms gegenübergestellt. Damit meine ich nicht das ewig gestrige Jammern der Tatort/Musikantenstadl/Heimatfilm-Fraktion, die sich an neuen Formaten und dem sonstigen stört (Brüste, Gewalt, allg. Sittenverfall, das Übliche).
Es geht um Inhalte deren Qualität von den Sendeanstalten bewusst an den untersten Rand des erträglichen und oft auch darüber bzw. darunter hinaus gedrückt werden um höchstmögliche Gewinne zu erreichen. Das beste Beispiel sind die Hot-Button-Runde-Quizsendungen in denen sich BigBrother-Teilnehmer, ausgediente Pornodarsteller und sonstige Quacksalber verdingen. Wer auch nur einige wenige Minuten diese Schande über sich ergehen lässt wundert sich über drei Dinge:
- Wie lange wird der Moderator/die Moderatorin noch die Frage auf Vorschul-Niveau wiederholen?
- Was passiert da eigentlich? Vornehmlich kommt die Frage auf wenn die Hot-Button Runde startet, etwaige Sirenen ertönen, Lichter an und aus gehen
- Wie schaffen die es immer ausgerechnet die Idioten durchkommen zu lassen, obwohl nur alle Viertelstunde jemand tatsächlich auf der Gewinn-Leitung 2, 7 oder 13 durchkommt? Idioten-Beleg hier!
Die zweite Erkrankung an der nicht nur das Privatfernsehen leidet ist chronische Ideenlosigkeit, begleitet von seinem besten Freund: „keine Eier in der Hose“. Was kam drüben super an? Lost? Dann lass uns doch selber so eine Serie machen! Alles was wir dazu brauchen ist eine Werkshalle, ein paar billige Plastikpalmen, lächerliche Computereffekte, garniert mit Laiendarstellern. Heraus kommt eine Peinlichkeit made by RTL. Wie hieß diese großartige Serie noch gleich? Geblendet von ihrer Großartigkeit habe ich doch tatsächlich schon ihren Namen vergessen.
Oder die Welle neuartiger Kriminalserien aus den USA, die sich vornehmlich mit der Aufklärung von Fällen anhand der Untersuchung der Leichen und des Tatortes beschäftigen. Das sind gut gemachte, durchdachte Serien, die mit dem Etat eines deutschen Kinofilms produziert werden. Statt sich auf Tugenden wie Kreativität zu berufen (übrigens eine Eigenschaft die auch ohne viel Geld auskommt), wird fleißig weiter kopiert. Ergebnis: Kopien à la Post Mortem. Wieso sich einen Abklatsch anschauen, wenn das Original sowieso besser ist? Oft genug landen die Serien deswegen so schnell wieder in der Versenkung wie sie kreiert wurden.
Symptomatisch ist die Quotengier der Programmgestalter und indirekt die Profitgier der Sender. Viele der geistigen Tiefflieger lassen sich billig produzieren (Paradebeispiel SMS/Telefon Quizsendungen) und werfen ansehnliche Gewinne ab, die die Sender noch dazu unabhängiger von Werbeeinnahmen machen. Eine Rechnung die aufgeht: Während irgendein bekloppter minutenlang fragt welcher Stadtname gesucht werden könnte, schicken einige Tausend ebenso bekloppte Tausende von SMS ein oder versuchen beharrlich bei einer Taktung von ein paar EUR sonst was die Minute durchzukommen.
Dies jetzt aber unter der Akte Kapitalismuskritik/Konsumgesellschaft abzutun wäre zu einfach. Schließlich scheint es einen profitablen Markt für solche Angebote zu geben, auch wenn es, wie mit den Dieter Bohlen Platten, nie jemand gewesen sein wollte. Ich werfe den Verantwortlichen auf weiter Strecke Kurzsichtigkeit vor. Denn auch wenn dieses Vorgehen gewinnbringend ist, so hat er auch eine Schattenseite. Er vergrault diejenigen die vernünftiges Fernsehen wollen. MTV hat in einem Punkt positiv überrascht als es die Werbe-Notbremse zog. „Crazy Frog“ Verbot für Yamba, leider nur teilweise, zu bestimmten Tageszeiten. Bei der Dauerbeschallung, während der ein und derselbe Werbespot schon mal 5x hintereinander wiederholt wurde, fürchtete MTV zu Recht um Zuschauer und weitere Werbekunden jenseits der Handy-Dudelei-Branche.
Doch als Internetnutzer mit Breitband Zugang gibt es eine Alternative zum Lamentieren. Das rapide wachsende Angebot von Streams. Hier können die Lieblingsserien und interessante Sendungen ohne Werbeunterbrechung, wann und so oft man will betrachtet werden. Für die Anglophielen kommt die Verlockung der originalen Vertonung dazu. Alles was man dazu braucht ist ein zügiger Internetanschluss, ab einem MBit wird die Verbindung ratz fatz aufgebaut. Und dann muss man sich nur noch am reichhaltigen, kostenlosen Angebot bedienen.
Einige TV Sender bieten ihre Inhalte dort „on demand“ an. So geschehen beispielsweise mit „Stromberg“, dessen bereits gesendete Abenteuer auf pro7.de nachgeholt werden konnten. Bravo auch an das Web Angebot von Comedy Central Deutschland. Das eher maue TV Programm wird hier sinnvoll im Netz bereichert, indem amerikanische Sendungen wie beispielsweise „The Daily Show“ zugänglich gemacht werden.
Sind die Anbieter weniger kooperativ hilft sich die Internetgemeinde selbst aus. Dank immer wieder hoch geladenen TV Mitschnitten oder Folgen aus DVD Sammlungen kann sich der User sein individuelles Fernsehprogramm selbst erstellen. Neben den zusätzlichen Freiheiten ist das Angebot reichhaltiger und vor allen Dingen origineller als der deutsche Einheitsbrei. Quotenhits aus den USA oder Großbritannien, welche hier schlecht synchronisiert im Nachtprogramm verkorksen (Seinfeld) oder gar nicht erst eine Chance bekamen, sind so verfügbar.
Die Frage ist in welche Richtung diese Entwicklung in den nächsten Jahren einschlagen wird. Ändert sich nichts am TV Programm prophezeie ich eine anhaltende Abwanderung ins Netz. Pläne, wie die von T-Online, die Kommunikation und Unterhaltung gebündelt über das Internet laufen zu lassen sind erste Reaktionen auf das technologisch Machbare und eine wachsende Nachfrage. Was die Inhalte im Netz selbst betrifft, so stellt sich die Frage wie die Seiten-Betreiber auf die zahlreichen Copyright-Verletzungen reagieren werden. So wie schon im Musiksektor ist aber zu den halblegalen Angeboten keine echte Alternative zu sehen. Zusätzlich stellt sich die Frage wer für Bezahldienste Geld ausgeben wird, wenn es dasselbe auch umsonst gibt.
Ich für meinen Teil habe jedenfalls schon beschlossen: Früher oder später bekommt der Fernseh-Bildschirm im Wohnzimmer einen Internetzugang spendiert. Aus die Maus für Hot-Button-Sendungen!
Unbedingt besuchen: peekvid.com und alluc.org/alluc
Daniel